Es läuft die 26. Minute im absoluten Spitzenspiel der Frauen-Verbandsliga. Unser Greifswalder FC trifft auf die HSG Warnemünde. Auf dem Jugendplatz unseres Volksstadions steht es zu diesem Zeitpunkt noch 0:0. Jetzt aber gibt es Freistoß für unseren GFC, etwa 25 Meter halblinks vor dem Tor. Neuzugang Wiebke Gustmann schnappt sich das Leder. „Ich mag es gerne Freistöße zu schießen, aber ich muss jetzt auch nicht jeden schießen. Es gibt sicher auch noch andere die das machen möchten“, so Wiebke. Die 19-Jährige schaut genau, überlegt sich, wie sie den Ball nun auf das Tor bringt. Ihre Gedanken kreisen, wie war sie an diesen Punkt in ihrem Leben gekommen? Gegen Penzlin, drei Wochen zuvor, hatte sie für unseren GFC ihr Debüt gefeiert, kam damals aber erst zur Halbzeitpause rein. Die Trainerinnen waren mit ihr sehr zufrieden, sie hatte auf dem Platz einen guten Eindruck hinterlassen und wurde gegen Warnemünde so mit ihrem ersten Startelfeinsatz belohnt. Aber das kommt auch nicht von ungefähr. Bereits sehr früh hat Wiebke mit dem Fußball begonnen und war auch bereits sehr erfolgreich. „Ich bin durch meinen Bruder und meinen Vater recht früh damit in Berührung gekommen. Mit circa fünf Jahren habe ich dann in Abtshagen im Verein angefangen und bei den Jungs mitgespielt. Wir hatten damals sehr viel Spaß, einige der Mitspieler waren ja auch noch Klassenkameraden von mir“, erinnert sich Gustmann.

Der Vater von Wiebke war Trainer in einem höheren Jahrgang und zog seine Tochter dann auch gerne mal mit hoch. Dort lernte sie sich durchzusetzen und fiel dem einen oder anderen Coach von anderen Mannschaften auf. „Wir spielten dann auch mal gegen die Mädels von Pommern Stralsund. Der damalige Trainer Marcus Wolff wollte mich dann gerne mit dazu holen. Ich hab das dann auch ausprobiert, ab und an dort mittrainert und hatte sowas wie ein Zweitspielrecht“, so die Innenverteidigerin. Mit dem Schulwechsel nach Stralsund folgte dann auch der komplette Wechsel zu Pommern. „Der Weg war dann natürlich viel kürzer. Außerdem war damals nicht ganz sicher, ob es in Abtshagen weitergehen würde. Es passte alles irgendwie zusammen“, sagt Wiebke. Und dort legte sie dann auch so richtig los. In einer sehr homogenen Truppe verbesserte sich Wiebke stetig und schaffte es so auch in die Landesauswahl. Mit den Jahrgängen 2001 und 2002 fuhr sie nach Duisburg zum Länderpokal. „Als wir das erste Mal da waren lief es richtig gut. Wir sind damals auf Platz acht gelandet. Es hat so unheimlich viel Spaß gemacht. Und wenn man dann von der Landesauswahl zum Verein zurückkommt, hat man ja nochmal eine ganze Menge mehr Selbstvertrauen und fühlt sich stärker. Es war eine richtig tolle Zeit“, erzählt Gustmann.

Jubel mit Verzögerung

Unter Trainer Sebastian Sachon erlebte Wiebke ihre bisher schönste Fußballzeit, die jedoch mit dem Erwachsenwerden auch langsam endete. „Der Kern der Mannschaft war einfach super. Aber wir kamen dann alle irgendwann in ein Alter wo bei den meisten eine Ausbildung oder das Studium begann. Natürlich kamen auch wieder gute Spielerinnen nach, aber das Gerüst brach so ein bisschen auseinander“, sagt Wiebke, fügt aber an: „Stralsund hat mich unfassbar geprägt. Es war zu der Zeit die perfekte Mannschaft für mich, in der ich mich auch super entfalten konnte. Und Herr Sachon hat mir fußballerisch sehr viel beigebracht.“ Und davon können wir beim Greifswalder FC nun profitieren. Nach ihrem Abitur kam Wiebke 2020 nach Greifswald. Sie wollte in eine Stadt, die nicht zu groß und vor allem nicht zu weit von der Familie weg ist. Bis sie sich dann aber unserem Club anschloss, dauerte es noch ein Jahr. „Ich habe auch erst mal eine kleine Pause vom Fußball gebraucht. Im Herbst habe ich es jetzt dann aber doch mit einem Probetraining versucht. Wenn man dann so lange bei einem Verein war, dann spürt man schon, dass es jetzt etwas anderes ist. Aber die Mädchen haben mich super aufgenommen und mich sofort gut integriert. Und je öfter man zusammen trainiert, desto schneller wächst man dann auch weiter zusammen“, sagt die Psychologie-Studentin. Der Studiengang war etwas, was ihr von vornherein zugesagt hat. Sie wollte immer schon was mit Menschen machen. „Wie das Gehirn funktioniert, warum Menschen etwas tun, das interessiert mich. Und ich glaube ich kann gut mit Menschen reden, weil ich eine sehr ruhige Person bin“, erklärt Wiebke. Diese Ruhe ist auch eine ihrer Stärken auf dem Platz. Sie möchte, dass ihre Mitspielerinnen das Gefühl haben, dass sie sich auf sie verlassen können. Das möchte sie in jedem Spiel beweisen. Auch gegen Warnemünde. Auch beim Freistoß. Der Ball liegt bereit, der Schiedsrichter gibt ihn frei. Wiebke läuft an, schießt… aber trifft den Ball nicht ordentlich. Verärgert dreht Wiebke sich um, läuft zurück. Doch plötzlich: Jubel! Der Ball ist trotzdem drin! Führung für unseren GFC im letzten Spiel des Jahres 2021, erstes Saisontor für Gustmann! Wiebke, wir freuen uns sehr, dass du den Weg zu uns nach Greifswald gefunden hast und sind gespannt auf all die Freistöße, die da noch kommen mögen!

 

Foto: André Gschweng

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